Der Oppen­heim-Skan­dal ist auf­ge­deckt. Wen­den wir uns der Zukunft zu!

Fast 300 Tage berich­te­te ich auf der Inter­net­sei­te www.der-oppenheim-skandal.de über die Affä­ren-Ära des SPD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Mar­cus Held. Hier der letz­te Ein­trag:

Der Blog ist aus. Wen­den wir uns der Zukunft zu!

Es gibt die­se wun­der­ba­re Miniatur-Erzählung von Søren Aabye Kier­ke­gaard, einem dänischen Phi­lo­so­phen und Schrift­stel­ler, der vor rund 150 Jah­ren leb­te, sie lau­tet wie folgt:

In einem Thea­ter brach hin­ter den Kulis­sen Feu­er aus. Der Pier­rot trat an die Ram­pe, um das Publi­kum davon zu unter­rich­ten. Man glaub­te, es sei ein Witz und applau­dier­te. Er wie­der­hol­te sei­ne Mit­tei­lung; man jubel­te noch mehr. So, den­ke ich mir, wird die Welt eines Tages unter­ge­hen.

Nein, nein, die Welt wird natürlich nicht unter­ge­hen! Unser „Thea­ter“ ist schließ­lich nur eine Inter­net-Web­sei­te, und hin­ter deren Kulis­sen brennt es auch nicht (ein vor Wochen um eine Cyber­at­ta­cke gebe­te­ner Kölner „Secu­ri­ty Con­sul­tant“ hat einen ent­spre­chen­den Auf­trag aus Oppen­heim gar nicht erst ange­nom­men…

Den­noch wol­len wir hier und heu­te in die Rol­le des Pier­rot schlüpfen, jener stets leicht melan­cho­li­schen Bühnenfigur, die sich am liebs­ten weiß geschminkt und in wal­len­den wei­ßen Gewändern geklei­det zeigt, und als sol­cher müssen wir Ihnen jetzt sagen:

Es ist aus. Es ist vor­bei!

Nein, applau­die­ren Sie jetzt bit­te nicht! Das ist kein Witz! Es ist uns ernst.

Die­ser Blog ist hier­mit been­det. Zeit zu gehen. Vor­bei.

Dies ist heu­te unser letz­ter Blog-Bei­trag auf der Web­sei­te www.der-oppenheim-skandal.de.

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Fast 300 Tage lang haben wir hier berich­tet. Wir haben die Affären des SPD-Poli­ti­kers Mar­cus Held öffentlich gemacht, wir haben den Oppen­heim-Skan­dal in all sei­nen Facet­ten doku­men­tiert. Nun machen wir einen Stopp, zie­hen uns zurück – aus hof­fent­lich nach­voll­zieh­ba­rem Grund:

Es ist, Stand heu­te, alles gesagt, was wir hat­ten sagen wol­len. Unser erklärtes Ziel, mit dem wir die­se Web­sei­te Mit­te Juni letz­ten Jah­res gestar­tet hat­ten, wur­de erreicht – und sogar noch viel mehr:

  • Die Marcus-Held-Affären sind (weit­ge­hend) auf­ge­deckt. Gewiss nicht all ihren Ein­zel­hei­ten und Verästelungen, dafür aber sind sie auch in ihrer Struk­tur und Sys­te­ma­tik klar erkenn­bar gewor­den. Die Prot­ago­nis­ten (nicht nur Held) sind bekannt. Kei­ner kann mehr sagen, er habe nichts von den rechts­wid­ri­gen, in wei­ten Tei­len sogar straf­recht­lich rele­van­ten Amtsgeschäften im Oppen­hei­mer Rat­haus gewusst!
  • Die Main­zer Staats­an­walt­schaft hat inzwi­schen umfang­rei­che Ermitt­lun­gen gegen Mar­cus Held ein­ge­lei­tet – nicht nur wegen des Ver­dachts der Untreue, son­dern auch der Vor­teils­nah­me, der Bestech­lich­keit und Ver­sto­ßes gegen das Par­tei­en­gesetz. Darüber hin­aus wur­den auch Ermitt­lun­gen gegen den Bürgermeister der Ver­bands­ge­mein­de Rhein-Selz, Klaus Pen­zer, ein­ge­lei­tet.
  • Der Stadt­rat hat mit den Aufräumarbeiten der Held-Trümmer begon­nen. Er will Scha­dens­er­satz­for­de­run­gen gegen das ehe­ma­li­ge Stadt­ober­haupt in sechs­stel­li­ger Höhe ver­fol­gen: Mar­cus Held soll nicht nur straf­recht­lich, son­dern auch finan­zi­ell für sei­ne Machen­schaf­ten gera­de ste­hen.
  • Die „All­ge­mei­ne Zei­tung Lands­kro­ne“, die dem Stadtbürgermeister jah­re­lang als Platt­form zur Selbst­ver­herr­li­chung gedient hat­te, die er auch noch nach Bekannt­wer­den sub­stan­ti­ier­ter Vorwürfe zu sei­ner Ver­tei­di­gung instru­men­ta­li­sie­ren konn­te, scheint auf­ge­wacht. Sie bemüht sich zuneh­mend um jour­na­lis­tisch-enga­gier­te Bericht­erstat­tung (zumin­dest in Oppen­heim, in Nach­bar­or­ten ist noch viel Luft nach oben). Die Lokal- und Lan­des­re­dak­ti­on haben das Recher­chie­ren ange­fan­gen, ihre Bericht­erstat­tung ist deut­lich kri­tisch-distan­zier­ter gewor­den. Und als soll­te der Para­dig­men­wech­sel mani­fes­tiert wer­den, mel­de­te sich just an die­sem Wochen­en­de der Chef­re­dak­teur zu Wort – Fried­rich Roein­ghs Rat­schlag: „Wer aber sein Amt für pri­va­te Zwe­cke miss­braucht, hat ver­spielt. In die­ser Hin­sicht lässt sich das Amt des Bürgermeisters nicht vom Man­dat des Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten tren­nen.“
  • Zu guter Letzt hat’s auch die SPD-Führung des Lan­des kapiert: Ihr Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter Mar­cus Held hat die Ide­en und Idea­le der Sozi­al­de­mo­kra­tie für sei­ne eigennützigen, zutiefst ego­is­ti­schen Zwe­cke miss­braucht. Mona­te­lang hat­te sich die Parteiführung in Mainz um ihren Vor­sit­zen­den Roger Lew­entz ihrer Ver­ant­wor­tung ent­zo­gen, sie igno­rier­te offen­sicht­li­che Fak­ten und ver­such­te sogar, die Öffentlichkeit mit einer vor­geb­li­chen Spenden-Überprüfung („Die Kas­sen sind sau­ber“) zu täuschen. Vor­bei: Mar­cus Held gilt jetzt als Out­law, er ist ein Aus­ge­sto­ße­ner – in eige­nen Par­tei­zir­keln. Er habe das Ver­trau­en der Men­schen in die Kom­mu­nal­po­li­tik beschädigt, befand die Lan­des-Par­tei letz­te Woche, „er hat in die­ser Lan­des- SPD kei­ne Zukunft mehr.“

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Seit Helds tie­fem Sturz, seit er erst sein Amt als Stadtbürgermeister abgab und dann auch sei­ne vie­len Pos­ten und Pöstchen in der Stadt, erle­ben wir ein ganz ande­res Oppen­heim: Kom­mu­nal­po­li­ti­ker unter­schied­lichs­ter Cou­leur fan­den zusam­men, sie einig­ten sich auf den hono­ri­gen Wal­ter Jertz als gemein­sa­men Kan­di­da­ten für die Bürgermeisterwahl, die am 3. Juni statt­fin­den soll. Sie verkünden damit zugleich eine neue Offen­heit und Ehr­lich­keit – frei von Scheu­klap­pen – in der Oppen­hei­mer Kom­mu­nal­po­li­tik. Eine Ener­gie gela­de­ne Auf­bruch­stim­mung ist zu verspüren, ein Nie-wieder-so-wie-früher-Gefühl macht sich breit in der klei­nen Stadt:

Viel­leicht wird doch noch alles gut, sagen die Leu­te auf der Stra­ße.

Der Umschwung zeich­ne­te sich gegen Ende des ver­gan­ge­nen Jah­res ab. Prüfer des Lan­des­rech­nungs­hofs in Spey­er hat­ten sich einen Teil der Oppen­hei­mer Amtsgeschäfte näher ange­se­hen; sie leg­ten einen mit rund 100 Sei­ten ungewöhnlich dicken Bericht vor. Wir veröffentlichten ihn in all sei­nen Ein­zel­hei­ten in einer ausführlichen Serie („Oppen­hei­mer Advents­ka­len­der“).

In der Fol­ge tra­fen sich mit Beginn die­ses Jah­res jeden Mon­tag ein paar hun­dert Men­schen vorm Rat­haus und demons­trier­ten gegen ihren Stadtbürgermeister und sei­ne kor­rup­te Poli­tik. Tie­fer Wider­wil­len gegen die gesin­nungs­lo­se Held­sche SPD-Kum­pa­nei ver­band die Men­schen. Ihr gemein­sa­mer Pro­test mach­te sie zu Verbündeten – und damit erfolg­reich:

Ent­deckt: Das neue ‚Wir sind Oppenheim’-Selbstverständnis“ überschrieben wir unse­re Beob­ach­tun­gen am 1. März 2018.

In die­ser Woche kon­sta­tier­te auch die Lokal­zei­tung nach einer Sit­zung des Stadt­ra­tes: „Ein Hauch von neu­em Geist weh­te durch das Gre­mi­um…“

Wir sind Oppen­heim“ – die Men­schen haben es begrif­fen: Sie müssen es end­lich leben! Und das wol­len sie jetzt wohl auch.

Der Pier­rot hat damit sei­ne Schul­dig­keit getan, das Publi­kum wird gleich begrei­fen:

Nun müssen die ehr­li­chen, die auf­rech­ten Bürger übernehmen. Sie müssen das klei­ne rhein­hes­si­sche Gemein­we­sen wie­der auf­rich­ten und nach vor­ne brin­gen.

Unser Blog ist damit been­det. Der Vor­hang fällt.

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Neh­men wir uns noch kurz die Zeit für eine klei­ne Rückschau. Erin­nern Sie sich noch, wie alles anfing?

Es war im Februar/März letz­ten Jah­res, als ein knapp 50-sei­ti­ges Dos­sier auf­tauch­te. Es ent­hielt zwei Dut­zend ver­trau­li­cher Behörden-Dokumente, die Mit­ar­bei­ter der Ver­bands­ge­mein­de (VG) Rhein-Selz aus dem „Ron­do“ her­aus­ge­schmug­gelt hat­ten. Die bis heu­te unbe­kann­ten Dos­sier-Auto­ren woll­ten damit bewei­sen, dass Stadtbürgermeister Mar­cus Held wie­der­holt rechts­wid­rig gehan­delt hat – weit­hin auch mit Rückendeckung von VG-Bürgermeister Klaus Pen­zer. Die Vorwürfe klan­gen unglaub­lich, eini­ge der Verdächtigungen gar unerhört: Das Sys­tem Held die­ne SPD-Mit­glie­dern dazu, die Par­tei­kas­se oder viel­leicht sogar auch die eige­nen Taschen zu füllen, schrie­ben die Dos­sier-Auto­ren.

Ein Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter, der rechts­wid­rig han­delt? Der auf ille­ga­le Wei­se sei­ne Par­tei­kas­se füllt? Der sich selbst Vor­tei­le ver­schafft? Das erschien damals vie­len unvor­stell­bar! Zumal Mar­cus Held sofort scharf zurückschoss: „Jemand will mich ver­nich­ten“, dik­tier­te er dem AZ-Redak­teur in den Block, was die Zei­tung prompt in gro­ßen Schlag­zei­len publi­zier­te.

Unver­ges­sen, wie Held und Pen­zer wenig später – so lang ist das noch gar nicht her! – Arm in Arm mit dem Lokal­re­dak­teur ver­such­ten, die Auf­de­ckung der Held­schen Ver­feh­lun­gen als kri­mi­nel­len Akt zu brand­mar­ken. Das war Poli­tik in voll­ende­ter Ver­kom­men­heit, und der loka­le Jour­na­lis­mus zeig­te sich in absto­ßen­der Ange­passt­heit.

Heu­te wis­sen wir: Die Whist­leb­lo­wer hat­ten recht. In allen Punk­ten. Ganz sicher mit dem Vor­wurf der rechts­wid­ri­gen Geschäftemacherei im Oppen­hei­mer Rat­haus. Ver­mut­lich auch – das indi­ziert die jüngste Aus­wei­tung der Ermitt­lun­gen durch die Staats­an­walt­schaft deut­lich – mit dem Ver­dacht des Taschen-Füllens.

Ob die Poli­zei heu­te noch gegen die anony­men „Verräter“ ermit­telt – Held, Pen­zer & AZ hat­ten sei­ner­zeit zur Hatz auf­ge­ru­fen, Pen­zer sogar Straf­an­zei­ge erstat­tet – wis­sen wir nicht. Rich­tig Sinn macht das nicht: Die unbe­kann­ten Whist­leb­lo­wer hätten eher ein Denk­mal ver­dient…

Ihr Dos­sier ging damals an die Staats­an­walt­schaft in Mainz und an den Lan­des­rech­nungs­hof in Spey­er, außer­dem an Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten sowie ausgewählte Jour­na­lis­ten in ganz Deutsch­land. So beka­men auch wir es auf den Tisch.

Ver­schie­de­ne Redak­tio­nen frag­ten bei Held nach, was an den Vorwürfen dran sei. Sie lie­ßen sich von dem rede­ge­wand­ten Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten mit durch­aus plau­si­bel klin­gen­den Erklärungen abwim­meln.

Wir recher­chier­ten vor Ort: Befrag­ten Bürger, die sich als Kri­ti­ker des Held-Sys­tems zu erken­nen gege­ben hat­ten, konn­ten wei­te­re ver­trau­li­che Behördenunterlagen ein­se­hen. Und erkenn­bar wur­de als­bald:

Mar­cus Held hat sich Oppen­heim mit einem Sys­tem von Begünstigten und Günstlingen unter­tan gemacht. Nahe­zu Sta­si-artig kon­trol­lier­te er „sei­ne“ Stadt: Er war allgegenwärtig, er hielt alle ent­schei­den­den Posi­tio­nen besetzt, und wo er nicht präsent sein konn­te, da hat­te er Ver­trau­te, manch­mal auch Abhängige instal­liert. Der Stadtbürgermeister agier­te wie ein Mario­net­ten­spie­ler: Er hielt alle Fäden fest in der Hand. Er lenk­te, er steu­er­te, er beweg­te die Men­schen.

Held schal­te­te und wal­te­te in Oppen­heim nach Guts­her­ren­art: Nur sein Wort zählte, alle ande­ren muss­ten parie­ren. Den Stadt­rat hat­te er fak­tisch aus­ge­schal­tet, die übergeordneten Behörden in der Ver­bands­ge­mein­de, im Kreis Mainz-Bin­gen, bei der ADD Trier und sogar in den Landesbehörden in Mainz duck­ten vor ihm, dem macht­be­wuss­ten Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten, weg.

Das war die ers­te Erkennt­nis. Die zwei­te:

Sehr vie­le Men­schen in Oppen­heim hat­ten regel­recht Angst vor die­sem durch­set­zungs­star­ken, auch schnell laut wer­den­den Poli­ti­ker. Anfangs woll­ten sie zum „Sys­tem Held“ nichts sagen, auf kei­nen Fall öffentlich. Eini­ge rede­ten, aber nur nach Zusa­ge abso­lu­ter Ver­trau­lich­keit. Es gab dis­kre­te Tele­fo­na­te („Nen­nen Sie bit­te nicht mei­nen Namen, nie­mals!“), es gab zahl­rei­che anony­me Brie­fe und Mails mit Infor­ma­tio­nen und Hin­wei­sen, wie­der­holt kam es auch zu kon­spi­ra­ti­ven Tref­fen, stets außer­halb von Oppen­heim.

War die Angst begründet? Ver­mut­lich ja: Es wur­de berich­tet, dass, wer Held oder die örtliche SPD zu kri­ti­sie­ren wag­te, für sein Kind kei­nen Kin­der­gar­ten­platz bekom­me. Dass er kei­ne Chan­ce habe auf eine günstige Miet­woh­nung von der loka­len Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft. Dass er für die alten Eltern kei­nen Platz im örtlichen Senio­ren­zen­trum fin­den wer­de.

Es hieß auch, wer sich all­zu laut gegen die­sen Stadtbürgermeister stel­le oder gegen sei­ne Orts­par­tei, der fin­de sei­nen Wagen zer­kratzt vor oder mit zer­sto­che­nen Rei­fen. Man müsse in Oppen­heim min­des­tens Mit­glied der SPD sein, bes­ser noch die Par­tei mit Spen­den bedie­nen – ansons­ten wer­de man in Ver­ei­nen aus­ge­grenzt, fin­de als Geschäftsmann kei­ne Kund­schaft, bekom­me als Unter­neh­mer kei­ne Aufträge…

Eine ältere Frau schick­te uns ein Foto: Es zeig­te ihr Gesicht, blau-rot geschwol­len, ganz böse ent­stellt. Sie schrieb, sie habe Helds Baupläne in einer früheren Pha­se der Krämereck-Entwicklung zu kri­ti­sie­ren gewagt, bis ihr bei Dun­kel­heit ein Mann vor der eige­nen Haustür auf­lau­er­te und sie bru­tal zusam­men­ge­schla­gen hätte. Die Frau sag­te auch, alles habe auf die Täterschaft eines einschlägig auffällig gewor­de­nen Par­tei­freun­des von Mar­cus Held hin­ge­deu­tet. Aber sie hat­te dafür kei­ne Bewei­se, natürlich nicht, sie war ja allein gewe­sen…

Auffällig war nicht nur die Viel­zahl gleich lau­ten­der Angst-Berich­te. Son­dern auch, dass sich Mar­cus Held nie dazu geäußert hat. Er hat sich nie von der­lei Übergriffen distan­ziert. Er hat – wie­wohl Stadt­ober­haupt, also Repräsentant aller Bürger – die Aggres­sio­nen eini­ger und die dar­aus ent­stan­de­nen Ängste vie­ler Oppen­hei­mer ein­fach hin­ge­nom­men. Sein Schwei­gen nährte den Ver­dacht, dass ihm die Stim­mung der Angst ganz gele­gen kam. Weil sie jede Kri­tik an ihm und sei­nen Mit­ma­chern zum Ver­stum­men brach­te.

So konn­te er wei­ter schal­ten und wal­ten, jah­re­lang, völlig ungestört.

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Ein ein­zi­ges Mal sind wir uns begeg­net, es war im Mai letz­ten Jah­res, in sei­nem Rathaus-Büro. Aus all dem Gele­se­nen und Gehörten hat­ten wir einen Fra­gen­ka­ta­log erstellt und ihm per Mail zukom­men las­sen. Mar­cus Held woll­te nicht schrift­lich-ver­bind­lich ant­wor­ten: „Ich habe ges­tern Abend kurz ihre Fra­gen überflogen und erken­ne, dass sie bis­her offen­bar sehr ein­sei­tig infor­miert sind. Des­halb schla­ge ich vor, dass wir ihre Fra­gen in einem persönlichen Gespräch klären“, schrieb er am 19. Mai 2017 zurück.

Tage später tra­fen wir uns in sei­nem Büro, der zwei­te Bei­ge­ord­ne­te Hel­mut Kre­the muss­te sich dazu­set­zen, und ja, Held wirk­te überzeugend. Er kam durch­aus sym­pa­thisch rüber, sehr elo­quent, er wuss­te auf jede Fra­ge eine ausführliche Ant­wort, er hat­te für alle Gescheh­nis­se Erklärungen parat. Er war schon ein­drucks­voll, sein Auf­tritt, manch­mal kamen sei­ne Ant­wor­ten ein wenig schnell, wirk­ten all­zu glatt, aber was heißt das schon…

Am Ende des Gesprächs, das gut eine Stun­de dau­er­te, ging er ins Vor­zim­mer und kam mit der Kopie eines Ver­trags­werks zurück: Die Unter­la­gen würden bewei­sen, sag­te er, dass bei sei­nem Gra­din­ger-Deal (Stadt kauft altes Möbellager, reißt es mit Landeszuschüssen ab und ver­kauft es wei­ter) alles mit rech­ten Din­gen zuge­gan­gen sei: „Den Kauf­ver­trag gebe ich Ihnen mit“, sag­te er, „dar­an sehen Sie, dass bei mir alles abso­lut offen und trans­pa­rent ist“.

Erst hin­ter­her fiel auf: Bei den Papie­ren han­del­te es sich um ein früheres, nie rea­li­sier­tes nota­ri­el­les Kauf­an­ge­bot der Gemeinnützigen Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft (GWG; Vor­stand: Mar­cus Held). Es war längst überholt: Der Stadtbürgermeister hat­te den Immo­bi­li­en­deal längst mit der (eben­falls von ihm geführten) GWG-Toch­ter HGO gemacht – zu deut­lich nach­tei­li­ge­ren Kon­di­tio­nen für die Stadt.

Die Übergabe ver­al­te­ter Papie­re, so steht zu ver­mu­ten, war ein geziel­ter Täuschungsversuch. Mar­cus Held woll­te sich nicht in die Kar­ten bli­cken las­sen: Trans­pa­renz und Offen­heit dien­ten ihm allen­falls als Schlag­wor­te, nie als Hand­lungs­an­wei­sung.

Sein recht plum­per Ver­such, uns zu täuschen, war aller­dings sein Feh­ler. Er hat­te damit den Repor­ter-Instinkt alar­miert: In die­sem Rat­haus stimmt etwas nicht!

Die Domain „www.der-oppenheim-skandal.de“ war schnell regis­triert. Am 15. Juni erschien unser ers­ter Bericht: „Eine Stadt sieht rot“. Es war der Auf­takt einer sechs­tei­li­gen Fol­ge, die mit dem Bericht „Fake News made in Oppen­heim“ ende­te – vorläufig…

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Aus der sechs­tei­li­gen Serie wur­den, was nie­mals auch nur ange­dacht gewe­sen war, fast 300 Tage Doku­men­ta­ti­on des Oppen­heim-Skan­dals: Die Rea­li­sie­rung des Plans, die Erkennt­nis­se aus dem anony­men Dos­sier und den Vor-Ort-Recher­chen in einer sechs­tei­li­gen Serie einem brei­te­ren Publi­kum zugänglich zu machen, löste einen Tsu­na­mi von Reak­tio­nen aus: Brie­fe, Mails, Tele­fon­an­ru­fe, sogar Whats­App-Zuschrif­ten – die Reso­nanz war der­art überwältigend, dass der Beschluss zum Wei­ter­ma­chen unumgänglich schien.

So ent­stand der Blog zum Oppen­heim-Skan­dal, eine Samm­lung regelmäßiger Berich­te über neue Erkennt­nis­se und aktu­el­le Neu­ig­kei­ten aus dem Affären-Sumpf des Mar­cus Held. Kei­ner hat damals erah­nen können, wel­ches Aus­maß die Bericht­erstat­tung – und damit auch: die Arbeit – anneh­men würde: Woche für Woche deck­ten wir neue Ver­feh­lun­gen die­ses Bürgermeisters auf, wie er sei­ne urei­ge­nen Inter­es­sen bedien­te, wie er die Men­schen in sei­ner Stadt belog und wohl auch betro­gen hat­te.

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Mit jedem Tag, mit jedem Bericht wuchs das Inter­es­se an die­ser Web­sei­te, Heu­te können wir kon­sta­tie­ren, durch­aus mit ein biss­chen Stolz:

Mehr als 1,1 Mil­lio­nen Sei­ten­auf­ru­fe (exak­ter Stand am heu­ti­gen Sonn­tag, 15 Uhr: 1.154.630) zählte das auf unse­rer Web­sei­te imple­men­tier­te Ana­ly­se­tool in nur neun Mona­ten – bei fast 350.000 regis­trier­ten Web­site-Besu­chen! Das sind im Schnitt rund 1000 Besu­che mit 4000 Klicks pro Tag! Ein Erfolg, mit dem wirk­lich kein Mensch gerech­net hat­te.

Die meis­ten Sei­ten­auf­ru­fe wur­den am 28. Febru­ar die­ses Jah­res regis­triert: Sagen­haf­te 21.448 Klicks in nur 24 Stun­den – es war der Tag, an dem Mar­cus Held sei­nen Rücktritt als Stadtbürgermeister bekannt gege­ben hat. Zuvor hat­te der 29. Janu­ar das Klick-Ran­king mit 12.924 Sei­ten­auf­ru­fen angeführt: An jenem Tag hat­ten wir berich­tet, dass bei der Staats­an­walt­schaft Straf­an­zei­ge gegen Held wegen ille­ga­ler Par­tei­spen­den erstat­tet wor­den war.

Erfolg­reichs­ter Monat? Ganz klar: Das war der Dezem­ber des letz­ten Jah­res, als wir an 24 Tagen in dem „Oppen­hei­mer Advents­ka­len­der“ den Bericht des Lan­des­rech­nungs­ho­fes vor­stell­ten. Ins­ge­samt 223.366 Sei­ten­auf­ru­fe ver­zeich­ne­te der letz­te Monat des Jah­res 2017.

Erfolg­reichs­ter Bericht? Das ist nach wie vor „Fake News made in Oppen­heim“ – die­ser Bericht führt die Hit­lis­te der meist­ge­le­se­nen Blogbeiträge mit 12.229 Sei­ten­auf­ru­fen.

Auf Platz 2: „Ste­pha­nie Kloos: auch ein Fall den Staats­an­walt“ – der Bericht über die (inzwi­schen ent­mach­te­te) SPD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de fand mitt­ler­wei­le 11.479 Leser.

Auf Platz 3: „Eine Stadt sieht rot“ – der Arti­kel wur­de 11.152 Mal auf­ge­ru­fen.

Als abso­lu­ter Shoo­ting-Star hat sich ein Blog­bei­trag aus jüngster Zeit erwie­sen, das wol­len wir Ihnen nicht ver­schwei­gen: Zwei­mal haben wir unse­ren Akti­ons­ra­di­us aufs Nachbarstädtchen Nier­stein aus­ge­wei­tet, wo mit Tho­mas Günther ein Stadtbürgermeister regiert, der die Men­schen sei­ner Stadt auf ähnliche Wei­se wie Mar­cus Held spal­tet. Unse­re Enthüllungen über sei­ne zeit­wei­li­ge Unter­neh­mens-Betei­li­gung („Neu­er Knall in Nier­stein: Günthers pri­va­te Chi­na-Fir­ma ent­deckt“) fand inner­halb von nur drei Tagen fast 9000 Leser (aktu­el­ler Stand: 8740). Rich­tig beein­dru­ckend ist die durch­schnitt­li­che Lese­dau­er: Mehr als sechs Minu­ten – Tau­sen­de Leser haben den Bericht dem­nach von der ers­ten bis zur letz­ten Zei­le gele­sen!

Dem nor­ma­len Inter­net-User sagen die­se Zah­len aus dem Ana­ly­se­tool ver­mut­lich herz­lich wenig, es feh­len Ver­gleichs­da­ten. Wir können ver­si­chern: Die­se Zah­len sind abso­lut ungewöhnlich, sie sind extrem gut – zumal für einen Blog, der doch eigent­lich nur über ein klei­nes, regio­na­les Ereig­nis berich­tet.

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Dank die­ser Web­sei­te, so lässt sich mit Daten aus dem Web­sei­ten-Ana­ly­se­tool bele­gen, hat der Oppen­heim-Skan­dal längst ein brei­tes überregionales Inter­es­se gefun­den: Die Leser kom­men nicht nur Oppen­heim, aus Rhein-Selz und Rhein­hes­sen. Die Besu­cher der Web­sei­te kom­men aus ganz Rhein­land-Pfalz, sehr vie­le auch aus Hes­sen, aus Nord­rhein-West­fa­len. Und auch aus Ber­lin, wo sich Mar­cus Held nach wie vor an sein Bun­des­tags­man­dat klam­mert.

Ein früherer Kom­mu­nal­po­li­ti­ker, der heu­te Ver­wal­tungs­recht an Fach­hoch­schu­len lehrt, mel­de­te sich: Er lese jeden Blog-Bei­trag zum Oppen­heim-Skan­dal, „der Fall ist bun­des­weit ein­ma­lig, ich hätte mir in kühnsten Träumen nicht vor­stel­len können, dass in einer so klei­nen Stadt sämtliche Spiel­re­geln unse­rer Demo­kra­tie der­art außer Kraft gesetzt wer­den konn­ten“, sag­te er unlängst. Er wer­de die Web­sei­te mit in sei­ne Vor­le­sun­gen ein­bau­en, ver­sprach er: als Lehrstück für Poli­tik- und Behördenversagen, aber auch – der Satz freu­te uns natürlich – „für die Wirk­kraft eines enga­gier­ten Jour­na­lis­mus“.

Da wir gera­de beim Bilan­zie­ren sind: Mehr als 500 – exak­ter Stand heu­te: 557 – Leser haben unse­ren News­let­ter abon­niert. Sie wur­den stets zual­ler­erst über neue Blogbeiträge infor­miert.

Es war wirk­lich rei­ner Zufall, dass der News­let­ter Nr. 100 zur Überschrift hat­te: „Eil­mel­dung: Mar­cus Held tritt zurück“.

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Es ist Zeit zu gehen, aber nicht ohne Wor­te des auf­rich­ti­gen Dan­kes: Vie­le, sehr vie­le Men­schen haben bei die­sem Blog mit­ge­wirkt. Es gab hoch enga­gier­te Mit­ma­cher, ohne deren Hil­fe die Bericht­erstat­tung nie­mals möglich gewe­sen und schon gar nicht so erfolg­reich gewor­den wäre.

All die­se Mit­strei­ter haben selbst­los und beschei­den eine Rol­le im Hin­ter­grund ein­ge­nom­men, ihr Ein­satz war überzeugter Dienst am klei­nen Gemein­we­sen Oppen­heim, aber sicher­lich auch an unse­rer Demo­kra­tie. Bis­wei­len konn­ten einem die Mit­strei­ter leid tun, vor allem, wenn Mar­cus Held öffentlich in übler denun­zia­to­ri­scher Wei­se gegen sie hetz­te, ihnen in Haus­wurf­sen­dun­gen sogar kri­mi­nel­le Ener­gie vor­warf. Der fes­te Glau­be, für eine gute Sache zu kämpfen, hat unse­re Unterstützer gestärkt. Es war bewun­derns­wert zu erle­ben, wie uneigennützig sie trotz man­cher­lei Wid­rig­kei­ten wei­ter­mach­ten.

Es gab etli­che Men­schen, die mit star­ken Infor­ma­tio­nen die­sen Blog beglei­te­ten. Es gab unzählige Tele­fo­na­te, manch­mal stun­den­lang, und unend­lich vie­le Mails, man­che sei­ten­lang. Immer wie­der kamen Brie­fe mit Infor­ma­tio­nen, Unter­la­gen, Doku­men­ten. Ande­re schick­ten fach­li­che Ana­ly­sen, klu­ge Bewer­tun­gen, sach­li­che Argu­men­te. Kei­nem ging es dar­um, sich ins Ram­pen­licht zu drängen. Allein das Inter­es­se, im Oppen­heim-Skan­dal für Aufklärung und Klar­heit zu sor­gen, ver­band alle – man könnte sagen: uns alle. Die Infor­ma­tio­nen wur­den ein­ge­wo­ben in die Blogbeiträge, und wenn auch nur ein ein­zel­ner Name als Autor darüber stand, so war jeder Bei­trag nie das Werk eines Ein­zel­nen:

Es war eine gelun­ge­ne Gemein­schafts­ar­beit, die zu erle­ben ein gro­ßes Glück bedeu­tet. Die Arbeit hat wirk­lich einen Rie­sen-Spaß gemacht hat. Sie hat vor allem ein Gefühl der Dank­bar­keit geweckt: Schön, dass es sol­che Men­schen gibt!

Die Zusam­men­ar­beit zeig­te letzt­lich auch, dass es ein vita­les Inter­es­se gibt, den gan­zen – sor­ry – Sau­stall gründlich aus­zu­mis­ten. Wir dürfen heu­te kon­sta­tie­ren: Das ist weit­ge­hend gelun­gen. Ohne die vie­len stil­len Hel­fer – sie kamen übrigens nicht nur aus Oppen­heim, son­dern auch aus vie­len Gemein­den in Rhein­hes­sen – wäre das nie möglich gewe­sen. Von die­ser Stel­le:

Ein ganz, ganz herz­li­ches Dankeschön für die groß­ar­ti­ge Unterstützung!

Der Dank schließt ausdrücklich die vie­len Kom­men­tar­schrei­ber ein, die unter den ein­zel­nen Beiträgen ihre Mei­nung kund­ta­ten, dort wei­te­re Infor­ma­tio­nen hin­ter­leg­ten oder auch nur mit­ein­an­der dis­ku­tier­ten. Dank ihres Mit­t­uns dien­te die­se Web­sei­te mona­te­lang als ein­zig­ar­ti­ge Dis­kus­si­ons-Platt­form. Eini­ge Berich­te wur­den mehr als 50 Mal kom­men­tiert, ande­re sogar mehr als hun­dert Mal – ins­ge­samt wur­den mehr als 3000 Kom­men­ta­re geschrie­ben. Auch das ein überraschender, ein tol­ler Erfolg!

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Mit die­sem Blog-Bei­trag been­den wir unse­re akti­ve Doku­men­ta­ti­on des Oppen­heim-Skan­dals. Die­se Web­sei­te bleibt natürlich bestehen: So können Sie „uns“ wei­ter­hin jeder­zeit besu­chen, Sie können die ein­zel­nen Beiträge nach­le­sen, wann immer Sie wol­len.

Die Kom­men­tar-Funk­ti­on las­sen wir noch für ein paar Tage geöffnet. Spätestens Ende März aber wer­den wir sie schlie­ßen. Bis dahin können Sie sich hier noch aus­tau­schen, jeder­zeit Ihre Mei­nung sagen…

Viel­leicht, das las­sen wir aber wirk­lich im Ungefähren, mel­den wir uns eines Tages noch ein­mal zu Wort. Geplant ist der­zeit nichts, aber man soll bekannt­lich nie nie sagen. Wenn’s denn pas­siert: Wir wer­den Sie via News­let­ter infor­mie­ren.

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Wir sind ange­fan­gen mit einer klei­nen Erzählung von Søren Aabye Kier­ke­gaard, wir wol­len dem klu­gen Mann auch das Schluss­wort gönnen:

Die Phi­lo­so­phen haben recht, wenn sie sagen: Wenn du das Leben ver­ste­hen willst, bli­cke in die Ver­gan­gen­heit. Sie ver­ges­sen aber, dass, wenn du leben willst, du dich der Zukunft zuwen­den musst.

In die­sem Sin­ne: Unse­re Web­sei­te www.der-oppenheim-skandal.de ist Ver­gan­gen­heit. Wen­den wir uns der Zukunft zu, auch in Oppen­heim, gera­de jetzt.

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