Ex-Poli­zist bekommt 60.000 Euro vom Frei­staat

 Der Fall ist ent­schie­den, nach zehn Jah­ren kön­nen die Akten geschlos­sen wer­den: 60.000 Euro erhält ein frü­he­rer Augs­bur­ger Poli­zei­be­am­ter vom Frei­staat Bay­ern. Es ist die Ent­schä­di­gung dafür, dass er zu Unrecht der Bestech­lich­keit beschul­digt und so lan­ge inhaf­tiert wor­den war, bis er sei­nen Dienst bei der Poli­zei quit­tiert hat­te.

Der Poli­zei-Skan­dal hat­te bun­des­weit für Auf­se­hen gesorgt: Man­fred D. war lan­ge Jah­re Spe­zia­list für Funk­tech­nik beim Mobi­len Ein­satz­kom­man­do in Augs­burg gewe­sen. 2007 wur­de er nach mona­te­lan­gen inter­nen Ermitt­lun­gen ver­haf­tet; der Vor­wurf: Er habe sich von einem hes­si­schen Unter­neh­mer, der tech­ni­sche Gerä­te an die baye­ri­sche Poli­zei lie­fer­te, bestechen las­sen. Der Staats­an­walt soll damals gesagt haben, Man­fred D. kom­me erst dann wie­der aus dem Gefäng­nis her­aus, wenn er den Poli­zei­dienst quit­tie­re. Dar­auf­hin brach der Mann zusam­men und unter­zeich­ne­te sein Ent­las­sungs­ge­such.

In ers­ter Instanz wur­de er 2011 wegen Bestech­lich­keit vom Amts­ge­richt Augs­burg zu einem Jahr Haft auf Bewäh­rung ver­ur­teilt. 2012 aber stell­te sich im Beru­fungs­ver­fah­ren vor dem Land­ge­richt her­aus, dass die Vor­ge­setz­ten von Man­fred D. in der Augs­bur­ger Poli­zei­be­hör­de ent­las­ten­de Unter­la­gen zurück­ge­hal­ten hat­ten. Noch am nächs­ten Tag wur­de der Mann umfas­send von allen Vor­wür­fen frei­ge­spro­chen. Da war es jedoch zu spät: Sei­nen Job bei der Poli­zei­be­hör­de war er los.

Des­halb klag­te er auf Scha­dens­er­satz. In einer Ver­hand­lung vor dem Augs­bur­ger Land­ge­richt Anfang Mai die­ses Jah­res deu­te­te der Rich­ter an, dass er durch­aus eine Ver­let­zung der Für­sor­ge­pflicht auf Sei­ten der Poli­zei­be­hör­de sehe. Er nann­te auch einen Betrag für eine Ent­schä­di­gung: 100.000 Euro. Die Ver­tre­ter des Frei­staats kün­dig­ten an, dass sie ein sol­ches Urteil nicht akzep­tie­ren und in Beru­fung gehen wür­den.

Jetzt der Ver­gleich: 60.000 Euro bekommt Man­fred D., außer­dem trägt der Frei­staat 60 Pro­zent der Ver­fah­rens­kos­ten. „Das ist eine nicht nur für Bay­ern bemer­kens­wer­te Been­di­gung eines juris­ti­schen Ver­fah­rens“, sag­te der Anwalt von Man­fred D., der Frank­fur­ter Ver­wal­tungs­recht­ler Harald W. Nol­te. Er wer­tet den Ver­gleich als „die spä­te Reha­bi­li­ta­ti­on für einen aus dem Dienst gedräng­ten Poli­zei­be­am­ten“.

Man­fred D. sag­te, die 60.000 Euro sei­en für ihn nicht nur Wie­der­gut­ma­chung für erlit­te­nes Unrecht. „Wich­ti­ger ist für mich, dass vom Gericht eine ein­deu­ti­ge Bot­schaft an die Poli­zei­be­hör­de aus­ging: So behan­delt man Men­schen ein­fach nicht.“ Zehn Jah­re sei­en jetzt seit sei­ner Ver­haf­tung ver­gan­gen: „Ich bin ein­fach nur glück­lich, dass alles vor­bei ist.

(Akten­zei­chen des Ver­gleichs­be­schlus­ses: Land­ge­richt Augs­burg 34 O 4371/15)

Der Traum der alten Män­ner

In die­sem Haus atmet alles Geschich­te: Die grau­en Stei­ne in den Wänden. Die der­ben brau­nen Bal­ken dazwi­schen. Die aus­ge­tre­te­nen Natur­stei­ne im Fuß­bo­den. Da braucht’s nur wenig Phan­ta­sie, und die Ver­gan­gen­heit lebt wie­der auf:

Der Hatt­stei­ner Hof in der Herrnhäuser Stra­ße 1, inmit­ten von Wal­laus his­to­ri­schem Orts­kern, vor mehr als 500 Jah­ren erst­mals urkund­lich erwähnt und in heu­ti­ger Form vor rund 300 Jah­ren erbaut, ist längst nicht nur restau­rier­te Fas­sa­de. Hier, in der hin­te­ren Scheu­ne, fin­det sich ein weit­ge­hend unbe­kann­tes musea­les Schatzkästchen, das im wei­ten Umkreis sei­nes­glei­chen sucht.

Eine Grup­pe ehe­ma­li­ger Dru­cker und Schrift­set­zer um das Wallau­er Urge­stein Erwin Born betreibt in dem his­to­ri­schen Gemäuer eine altertümliche Dru­cke­rei – mit Arbeits­ma­te­ria­li­en und Maschi­nen, die heut­zu­ta­ge so sel­ten zu sehen sind wie Plat­ten­spie­ler und Tele­fon­zel­len. „Hatt­stein-Offi­zin“ sagen sie, wie Buch­dru­cker im späten Mit­tel­al­ter ihren Schaf­fens­raum bezeich­ne­ten. Am Sonn­tag wird die­ses außergewöhnliche Mini-Muse­um sei­ne Pfor­ten öffnen: Am 18. Juni, am Tag der offe­nen Höfe und Kunst in Wallau, kann es besich­tigt wer­den.

Nicht nur das uralte Haus und die his­to­ri­schen Gerätschaften sind das Beson­de­re. Auch die „Macher“ sind bemer­kens­wert: Erwin Born, Eigentümer des Hatt­stei­ner Hofes und früher Besit­zer einer Dru­cke­rei direkt neben­an, ist jüngst immer­hin schon 80 Jah­re alt gewor­den. Anton „Toni“ Bau­mann, der erfah­re­ne Dru­cker­meis­ter, ist 81 Jah­re alt (und, das nur am Ran­de, noch immer tagtäglich mit sei­ner Druckerei-Zubehör-Firma im Ein­satz). Her­mann Schmelz aus Hof­heim- Stadt, drit­ter im zen­tra­len Bun­de, ist mit bald 84 Jah­ren der Seni­or. Sei­ne fein­glied­ri­gen Fin­ger ver­ra­ten, dass nicht das etwas der­be­re Gewer­be der Dru­cker seins war: Er ist Schrift­set­zer, „das waren immer die Intel­li­gen­ten“, sagt er und lacht ver­schmitzt.

Um die­ses Senio­ren-Trio gibt es eine Hand­voll Männer, fast alle im betag­ten Rent­ne­ral­ter: Sie tei­len die Lei­den­schaft für ihren Beruf, der längst aus­ge­stor­ben ist, sie haben darüber hin­aus ein gemein­sa­mes Betätigungsfeld gefun­den, das den All­tag des Alters ausfüllt. Ihr Job war einer, der die Schnel­lig­keit und Hek­tik der heu­ti­gen Berufs­welt weder kann­te noch benötigt: Wenn der Her­mann Blei­buch­sta­be für Blei­buch­sta­be auf eine längliche Metall­schie­ne setzt und zu Wor­ten zusam­men­schiebt, die ein­zel­ne Let­ter kann groß sein wie eine Streich­holz­schach­tel oder auch so klein, dass man sie nur mit einer Pin­zet­te anfas­sen kann: Das dau­ert halt. Er zeigt auf eine Buch­sta­ben- plat­te, die dun­nemals ange­legt wur­de, um die Sei­te eines Bahn­fahr- plans dru­cken zu können. „Das waren vier Wochen Arbeit“, sagt er. Vier Wochen für nur die­se eine Sei­te? Er nickt: „So war das eben.“

So war das eben: Hier fin­den sich noch Schränke voll Schub­la­den, die wie­der­um in klei­ne Fel­der auf­ge­teilt wur­den: für jede Schrift­art eine Schub­la­de, für jeden Buch­sta­ben ein Feld. Es sind Setzkästen, die heu­te auf Flohmärkten als Zeug­nis früherer Hand­werks­kunst gefragt sind: Sie wur­den nicht in Leicht- und Bil­lig­bau­wei­se ange­fer­tigt wie die Möbel im nahen Ikea-Geschäft. Sie stam­men aus Schrei­ne­rei­en, jede ein­zel­ne hoch­wer­ti­ge Hand­ar­beit, eben des­halb haben sie Jahr­zehn­te überdauert und sind noch immer in ihrem ursprünglichen Ein­satz.

Das Schmuckstück des klei­nen Pri­vat­mu­se­ums, der Stolz der alten Männer: Das sind natürlich die schwe­ren Maschi­nen. Die Stopp­zy- lin­der-Schnell­pres­se, erbaut 1933 in der Maschi­nen­fa­brik Johan­nis­berg in Geisenheim/Rheingau, so groß wie drei, vier Schreib­ti­sche hin­ter­ein­an­der und so schwer, dass unter der Scheu­ne ein Extra-Beton­fun­da­ment ange­legt wer­den muss­te. Dane­ben der Bos­ton­tie­gel, erbaut 1928 in Leip­zig, und dann der etwas jüngere Hei­del­ber­ger Tie­gel, immer­hin jetzt auch schon mehr als 50 Jah­re alt.

Es sind extrem schwer­ge­wich­ti­ge Appa­ra­tu­ren, die aber zugleich höchst fili­gran wir­ken und äußerst feinfühlig ein­ge­stellt wer­den müssen, damit ein per­fek­ter Druck gelingt. Wenn der Erwin oder der Toni, der Her­mann oder all die and­ren Männer die Maschi­nen sehen, sie anfas­sen und manch­mal auch sach­te strei­cheln, dann ver­meint man bei ihnen Hoch­ach­tung vor die­sen robust-stählernen Ungetümen zu erah­nen, denen doch eine ganz ande­re Schaf­fens­kraft inne­wohnt als einem kal­ten, com­pu­ter-gesteu­er­ten Laser­dru­cker. Und wehe, einer der Männer verlässt eine der Maschi­nen, ohne sie zuvor blitz­blank gesäubert und alle Stell­schrau­ben wie­der ordnungsgemäß zurückgedreht zu haben: Dann kann der Toni rich­tig fuch­tig wer-
den, man weiß nicht so recht, ob er ernst­haft gran­tig ist oder nur schan­dudelt. Auf alle Fälle wirkt’s.

Einen Traum haben die alten Männer noch: Dass, wenn es mit ihnen zu Ende geht, nicht auch ihr Muse­um stirbt. Dass sich einer fin­det, der ihren Beruf so liebt wie sie, der Lust und Lei­den­schaft am Buchstabe-für-Buchstabe-Setzen, an Druckerschwärze und an ihren Maschi­nen fin­det. „Einer, der ein­fach wei­ter­macht, wie’s früher war – den suchen wir“, sagt Erwin Born. Die ande­ren nicken nur. Es sieht nicht so aus, als ob sie wirk­lich dar­an glau­ben, dass ihnen die­ses letz­te Glück vergönnt ist. Aber manch­mal sol­len Träume ja wirk­lich wahr wer­den…

Erschie­nen in der FNP am 16.06.2017