Krupps aller­letz­ter Erbe

Heu­te wird ein Rich­ter am Land­ge­richt einen 53-Jäh­ri­gen als Seri­en­be­trü­ger ver­ur­tei­len und für meh­re­re Jah­re ins Gefäng­nis schi­cken. Der Mann hat­te mit einer ziem­lich dreis­ten Geschich­te etli­che Frank­fur­ter regel­recht aus­ge­nom­men. Nun rät­seln die Opfer: Wo ist nur ihr gan­zes Geld geblie­ben?

Frank­furt. Tref­fen sich zwei Män­ner in einer Tief­ga­ra­ge. Sagt der eine: „Ich bin der wah­re Erbe der Krupp-Dynas­tie, ich bekom­me dem­nächst Mil­lio­nen, ach was: Mil­li­ar­den! Nur brau­che ich jetzt fürs Gericht auf die Schnel­le zwölf­tau­send Euro, sonst krieg’ ich den Erb­schein nicht.“

Sagt der ande­re Mann – ja, was wohl?

Er sagt, so ist es wirk­lich pas­siert, hier in Frank­furt, in einer Tief­ga­ra­ge in Born­heim: „Zwölf­tau­send Euro? Die hab’ ich auf der Bank. Die kann ich Ihnen lei­hen, das ist wirk­lich kein Pro­blem!“

Es war im Mai letz­ten Jah­res, als die­ses kur­ze Gespräch statt­fand. Die bei­den Män­ner kann­ten sich nicht näher, sie waren sich das zwei­te oder viel­leicht das drit­te Mal in der Tief­ga­ra­ge an der Inhei­de­ner Stra­ße begeg­net. Trotz­dem kam der Deal zwi­schen ihnen zustan­de, und er war – wie man heu­te weiß – der Auf­takt zu einem schier unglaub­li­chen Kri­mi­nal­fall.

Denn einer der bei­den Män­ner war Gerd B., ein durch­trie­be­ner Seri­en­be­trü­ger, der von sei­nen 53 Lebens­jah­ren ins­ge­samt 18 in diver­sen Knäs­ten ver­bracht hat. Unter­schla­gung, Urkun­den­fäl­schung, Titel­miss­brauch, Scheck­be­trug, Untreue und immer wie­der Betrug, Betrug, Betrug – so steht’s in sei­ner Vita, die Tat­or­te lagen über­wie­gend in Süd­deutsch­land.

Dann zog er nach Frank­furt, und auch hier kas­sier­te er ab – nicht ein­mal, nicht zwei­mal, son­dern gleich mehr­dut­zend­fach, immer mit der­sel­ben, eben­so unver­schämt dreis­ten wie unglaub­lich erfolg­rei­chen Masche:

Gerd B. gab sich als der unehe­li­che Sohn von Kurt Paul Alfried Alfred Krupp von Boh­len und Hal­bach zu Thys­sen-Bor­n­e­mis­za aus. Sei­ne Eltern und zwei Halb­brü­der, erzähl­te er gern, sei­en bei einem schreck­lich tra­gi­schen Unfall ums Leben gekom­men. Er selbst sei dar­auf­hin, als Kind der Schan­de und als beken­nen­der Homo­se­xu­el­ler, von der Fami­lie ver­sto­ßen wor­den. Jetzt aber habe die Gerech­tig­keit vor Gericht gesiegt, er bekom­me alles.

ALLES! Als Allein­er­be stün­de ihm ein Ver­mö­gen von 500 Mil­lio­nen Euro plus Immo­bi­li­en plus eine Auto­samm­lung zu, außer­dem sei er noch Mehr­heits­ge­sell­schaf­ter der Thys­sen-Krupp AG – ins­ge­samt mache sein Ver­mö­gen, wirk­lich wahr, 58 Mil­li­ar­den Euro aus.

Das sei jetzt alles end­lich und end­gül­tig geklärt, sag­te Gerd B. dann noch, allein, es feh­le ihm der legi­ti­mie­ren­de Erb­schein, den ihm das Gericht auch aus­hän­di­gen wer­de – wenn er nur ter­min­ge­recht die Gebüh­ren bezah­le, was lei­der schwie­rig sei, da er wegen der vie­len Pro­zes­sie­re­rei kei­nen ein­zi­gen Cent mehr besit­ze…

Wer jetzt glaubt, auf eine so plat­te Geschich­te fal­le doch kein Mensch her­ein, der wird vor dem Land­ge­richt Frank­furt eines Bes­se­ren belehrt. Da muss sich Gerd B. seit Wochen ver­ant­wor­ten, weil er mit sei­nen wil­den Ich-bin-der-aller­letz­te-Krupp-Erbe-Phan­ta­si­en bin­nen weni­ger Mona­te in und um Frank­furt sage und schrei­be 685 170 Euro ergau­nert haben soll – steu­er­frei! Wobei die Kri­po davon aus­geht, dass der Mann wesent­lich mehr Geld ein­ge­sackt haben muss: Etli­che Geschä­dig­te hät­ten sich ver­mut­lich erst gar nicht gemel­det, weil sie sich schä­men, so dumm­dreist her­ein­ge­legt wor­den zu sein, und weil sie über­zeugt sind, ihr Geld eh nie wie­der­zu­se­hen.

Eines der Opfer von Gerd B. ist Peter Z. (Name geän­dert), der Mann, mit dem der Hoch­stap­ler im Mai 2011 in der Born­hei­mer Tief­ga­ra­ge das kur­ze Gespräch geführt hat­te. Der 68-jäh­ri­ge Rent­ner, allein lebend, rüs­tig, sehr sport­lich, arbei­te­te frü­her bei der Jus­tiz, dann bei einem Rechts­an­walt, spä­ter für eine Ver­si­che­rung. „Ich bin doch nicht dumm“, sagt er heu­te immer wie­der. „Ich dach­te, ich fal­le nie und nim­mer auf einen Betrü­ger rein.“

Ist er aber. Und wie! Peter Z. besaß einst ein dickes Akti­en­de­pot bei der Ing-Diba-Bank. Es waren sei­ne Erspar­nis­se aus drei­ßig Jah­ren har­ter Arbeit. „Ich habe mir nie etwas gegönnt, kei­nen grö­ße­ren Urlaub gemacht, immer alles auf die Sei­te gelegt, weil ich im Alter was haben woll­te.“

In guten Zei­ten hat­te sein Depot einen Wert von über 300.000 Euro. Dann kam die Finanz­kri­se, die Kur­se gin­gen run­ter, aber immer­hin blie­ben rund 200.000 Euro übrig. Dann kam Gerd B. – und jetzt ist alles Geld weg. Nur noch 30,16 Euro lie­gen auf dem Kon­to, alles ande­re kas­sier­te der angeb­li­che Krupp-Erbe ab. Doch dem reich­te es immer noch nicht. Ein letz­tes, nein, ganz bestimmt ein aller­letz­tes Mal wol­le das Gericht Geld haben für eine Beschei­ni­gung, 20.000 Euro brau­che er, drin­gend! „Ich woll­te schon zur Bank gehen und einen Kre­dit auf mei­ne Woh­nung auf­neh­men“, sagt Peter Z. Nach einer schlaf­lo­sen Nacht ver­trau­te er sich erst­mals einem Freund an. Und der ging, end­lich, schnur­stracks zur Poli­zei…

Seit­her steht auch fest: Peter Z. ist nicht der ein­zi­ge, den Gerd B. aus­ge­nom­men hat. Kri­po­be­am­te durch­such­ten die Woh­nung des angeb­li­chen Krupp-Erben an der Stra­ße Am Amei­sen­berg in Born­heim, sie ent­deck­ten Hin­wei­se auf eine zwei­te Woh­nung am Hasen­weg in Ober­rad, und sie fan­den einen Com­pu­ter mit Hin­wei­sen auf wei­te­re Opfer, die offen­bar eben­falls fest an das Mär­chen vom Krupp-Erben geglaubt haben müs­sen und dem Mann in der Hoff­nung, eines Tages am Mil­li­ar­den-Erbe teil­ha­ben zu kön­nen, regel­mä­ßig mit grö­ße­ren Geld­be­trä­gen aus­ge­stat­tet hat­ten.

Ursu­la B. zum Bei­spiel. Sie hat mit ihrem Mann die gesam­ten Erspar­nis­se ihrer Fami­lie zusam­men­ge­kratzt. Sie fuhr jede Woche mit der S-Bahn zum Frank­fur­ter Haupt­bahn­hof, in der einen Hand eine Tüte voll Lebens­mit­teln („Er sah so schlecht aus, konn­te wegen des Ärgers mit den Gerich­ten nicht ordent­lich essen. Wir muss­ten doch dafür sor­gen, dass er die juris­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen über­ste­hen konn­te“); in der ande­ren Hand einen Brief­um­schlag. Dar­in Geld­schei­ne. Mal 200, mal 2000, ein­mal sogar fast 20.000 Euro.

Gerd B. habe es immer sehr eilig gehabt, gab Ursu­la B. spä­ter zu Pro­to­koll, er habe ihr Tüte und Geld abge­nom­men und sei in den nächs­ten Zug gestie­gen: Ter­mi­ne! Ter­mi­ne!

Von unter­wegs aus habe er sie regel­mä­ßig ange­ru­fen, manch­mal zwei­mal am Tag, er habe berich­tet, dass ihn die ver­ma­le­dei­te Ver­wandt­schaft wie­der und wie­der ums Erbe zu brin­gen ver­su­che, aber er wer­de wei­ter kämp­fen, für sein Erbe, für ihr Geld. Nur, lei­der, ver­lan­ge das Gericht noch eine Beschei­ni­gung…

Am Ende, nach weni­gen Mona­ten, hat­te ihm Frau B. 97.000 Euro gege­ben. Als sie kein Geld mehr hat­te, dräng­te sie ihre Freun­de, den angeb­li­chen Krupp-Erben zu unter­stüt­zen. Der wür­de ihre Hil­fe eines Tages sicher­lich groß­zü­gig hono­rie­ren. Die Freun­de lie­ßen sich nicht lan­ge lum­pen und über­ga­ben in meh­re­ren Tran­chen zusam­men rund 120.000 Euro.

So gibt’s eine gan­ze Rei­he wei­te­rer groß­zü­gi­ger Men­schen, die dem ver­meint­li­chen Mil­lio­nen­er­ben mit tau­sen­den Euro aus­hal­fen – und die nun mit lee­ren Hän­den daste­hen. Wo das gan­ze Geld geblie­ben ist? Die Poli­zei hat es bis heu­te nicht gefun­den. Gerd B. schweigt eisern.

In sei­nen Woh­nun­gen fand die Kri­po diver­se Unter­la­gen gro­ßer Frank­fur­ter Auto­häu­ser: Der Mann hat­te sich gleich meh­re­re Luxus-Limou­si­nen bestellt, dar­un­ter einen BMW X6 M für 251.260 Euro, einen Mer­ce­des SLS 63 AMG für 169.750 Euro, einen Fer­ra­ri GTB Fiora­no für 125.966 Euro. Bezahlt hat er nie, die Ver­trä­ge wur­den nach sei­ner Ver­haf­tung stor­niert.

In der Vel­tins-Are­na von Fuss­ball-Bun­des­li­gist Schal­ke 04 woll­te Gerd B. eine kom­plet­te Loge mie­ten, für 84.500 Euro. Es gibt Schrift­ver­kehr dar­über, der Ver­trag kam nie zustan­de, Gerd B. hat­te nicht gezahlt.

Bei meh­re­ren Tele­fon­an­bie­tern hin­ter­ließ Gerd B. Schul­den in hoher fünf­stel­li­ger Höhe. Zwei nota­ri­ell beur­kun­de­te Kauf­ver­trä­ge über Wohn­häu­ser in Frank­furt muss­ten rück­ab­ge­wi­ckelt wer­den – in einem Fall betrug der Kauf­preis 1,5 Mil­lio­nen Euro, im ande­ren Fall 215.000 Euro. Gerd B. hat­te alles unter­schrie­ben, die Gegen­sei­te natür­lich auch, er hat nur nie gezahlt, natür­lich nicht.

Gerd B., der sich in sei­ner akti­ven Pha­se als Hoch­stap­ler mit Vor­lie­be dan­dy­haft ganz in Weiß klei­de­te, muss am heu­ti­gen Frei­tag vor­erst ein letz­tes Mal vor Gericht erschei­nen. Bis­her ließ er sich jedes Mal von zwei Wacht­meis­tern im Roll­stuhl in den Gerichts­saal schie­ben. Eine beein­dru­cken­de Show: Wäh­rend der gesam­ten Gerichts­sit­zun­gen schwank­te er mit sei­nem Ober­kör­per vor und zurück, unun­ter­bro­chen, stun­den­lang. Er sei schwer krank, gab er an, lei­de unter Par­kin­son und Mager­sucht. Als das Gericht wis­sen woll­te, wel­che Medi­ka­men­te er neh­me oder wel­che Ärz­te er besucht habe, zuck­te er nur mit den Schul­tern. Schwieg. Und schwank­te wei­ter hin und her.

Heu­te geht die „Show“ in die letz­te Run­de. Heu­te soll das Urteil gegen Gerd B. gespro­chen wer­den. Sechs Jah­re und neun Mona­te for­der­te die Staats­an­wäl­tin im letz­ten Pro­zess­tag. Der Mann wäre dann kei­ne Sech­zig, wenn er wie­der frei käme. Irgend­wo müss­te dann eigent­lich sehr viel Geld auf ihn war­ten …

Erschie­nen in der FNP am 10.02.2012

 

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